Weltweite Krise und alternative Verkehrspolitik

Bericht über einen verkehrspolitischen Diskussionsabend mit Dr. Winfried Wolf und Prof. Dr. Matthias Gather am 5.11.13 im Café Nerly, Erfurt

Der VCD Elbe-Saale, attac Erfurt, der Kreisverband Erfurt von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie DIE LINKE Erfurt mit ihrer AG ÖPNV hatten geladen – und rund 70 Gäste kamen. Sie kamen, um Winfried Wolf nicht nur zu hören sondern auch zu erleben: ein Mann, der bereits im Jahr 1986 sein verkehrspolitisches und -wirtschaftliches Damaskus-Erlebnis hatte und seither ohne Auto lebt.

Winfried Wolf stammt aus Schwaben, macht keinen Hehl aus seiner Herkunft und insbesondere seiner Sympathie für den Protest gegen Stuttgart 21. Dieser Protest, der weiter gehe, aber medial ignoriert werde, so Wolf, war der Ausgangspunkt des Abends, der dann einen verkehrspolitischen Rundumschlag bot, der einem den „(Auto-)Wahnsinn mit Methode“ vor Augen führte.

Ausgangspunkt war die Krise der Weltwirtschaft. Wolf beschrieb etwa Chrysler und GM die mit Staatsgeld vor dem Bankrott gerettet wurden, um dann dort weiter zu machen, wo sie aufgehört hatten: Mit der Überflutung des Planeten durch die spritfressende Kraftfahrzeugen. Was in den Industrieländen kaum noch steigerungsfähig ist, wird um so mehr in den Schwellenländern angestrebt. Die Verdoppelung des weltweiten Kfz-Bestandes von derzeit bereits 1 Mrd. Fahrzeuge innerhalb der nächsten 15 Jahre, so Wolf. Eine Zahl, die kaum vorstellbar ist, vor allem, wenn man sich die Menge an Energie vorstellt, die sowohl für die Produktion als dann auch für den Betrieb erforderlich wird. Kein Wunder, dass Wolf in diesem Zusammenhang auf „Peak Oil“ zu sprechen kam, der ja nach einigen Wissenschaftlern bereits erreicht sei. Wolf zog das in Zweifel, weil die Gier der ölabhängigen Industrien wohl nur von ihrer ökologischen Skrupellosigkeit übertroffen werde. Die Öl verarbeitenden Konzerne hielten ein Drittel der weltweiten Profitmasse. Sie seien natürlich an einem entsprechenden „Wachstum“ und der Aufrechterhaltung des vom Öl abhängigen Verkehrssystems interessiert.
Dabei sei das Mobilitätsbedürfnis der Menschen seit über 80 Jahren unverändert. Wolf zitierte einen Verkehrswissenschaftler aus dem Berlin der zwanziger Jahre, der dieses Bedürfnis auf 900 bis 1200 Zielbewegungen pro Jahr ermittelt hatte, ein Wert der nach wie vor gilt! Allerdings seien die Entfernungen um ein Vielfaches gestiegen, allein in den letzten 50 Jahren von 6000 km auf jetzt 13.000 km pro Jahr – im Durchschnitt aller Menschen in Deutschland.
Wolf zeigte aber nicht nur die erschreckende Entwicklung des Autoverkehrs sondern brachte eindrucksvolle Zahlen auch für andere Verkehrsmittel: Der Flugverkehr habe sich allein von 1995 bis 2010 verdoppelt und solle dies innerhalb von 20 Jahren noch einmal tun. Der Frachtverkehr insgesamt steige überproportional im Verhältnis zur weltweiten Produktion. Diese Entwicklung führe insgesamt dazu, dass die wegen des gestiegenen Wirkungsgrads der Antriebe verursachte Energieeinsparung aufgefressen werde durch eine höhere Transportleistung: Die CO2-Emissionen würden trotz Einsparungen je km insgesamt steigen.
Schaut man die Zahlen der Verkehrsentwicklung, scheint eine Wirtschaftskrise kaum zu existieren. Wolfs Vortrag machte deutlich, dass es sich nur um eine Schein- oder Teilkrise handeln muss. Es geht der Menschheit insgesamt gut, sonst könnten diese Steigerungen nicht erzielt werden. Allerdings wird auch klar, dass dieser Wohlstand falsch verteilt sein muss, da es wiederum genügend Menschen gibt, für die eine derartige, individuelle Verkehrsleistung jenseits jeglicher Vorstellung liegt.
Dass hier das Primat der Politik gefragt ist hat auch Winfried Wolf nicht bestritten, aber ausgesprochen hat es dann später sein Co-Referent, Verkehrswissenschaftler Prof. Matthias Gather von der FH Erfurt, der die Analyse von Wolf nach eigen Worten überwiegend teilte, aber auch mit kritischen Anmerkungen ergänzte.
Die von Wolf genannten Mittel der Gegensteuerung der erschreckenden Entwicklung wollte Gather nicht anzweifeln: kurze Wege durch flächendeckende Infrastruktur bei Arbeitsplätzen und Versorgung, Flächenbahn statt Hochgeschwindigkeitsrennstrecken. Verringerung des Flugverkehrs und eine Senkung der Transportintensität der Alltagsgüter. Allerdings machte Gather auch auf Probleme bei derartigen „Lösungen“ aufmerksam. So komme es z. B. zu induziertem Verkehr, wenn der ÖPNV als „Flatrate“ bezahlt werde (Stichwort „fahrscheinloser ÖPNV), da jeder denke, er habe ja bezahlt, dann könne er es auch so viel es geht benutzen. Das sei aber kaum das erwünschte Ziel, daher plädierte Gather für eine Kostentransparenz und eine In-Rechnung-Stellung der Kosten des Verkehrs, aber eben aller Kosten, auch der gesamtgesellschaftlichen.
Beide Experten boten dem Publikum spannende Einblicke und Zusammenhänge. Dies wurde in der angeregten Diskussion mit dem Publikum deutlich. Hier wurde schnell klar das in Detailfragen, wie denn die Verkehrswende umzusetzen ist, verschiedenste Ansichten bei allen Beteiligten vorliegen. Es bleibt zu hoffen, dass vieler Besucher neue Einsichten und Idee mitnehmen konnten, ihr eigenes Mobilitätsverhalten hinterfragen und zukünftig auch ihre Konsumentenmacht nutzen und regionale Produkte dem dänischen Käse aus bayerischer Milch vorziehen
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